Estland


Estland
Esthland (veraltet)

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Est|land; -s:
Staat in Nordosteuropa.

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Estland,
 
 
 
Fläche: 45 227 km2
 
Einwohner: (2001) 1,37 Mio.
 
Hauptstadt: Tallinn
 
Amtssprache: Estnisch
 
 
Währung: 1 Estnische Krone (ekr) = 100 Senti
 
Zeitzone: 1300 Tallinn = 1200 MEZ
 
estnisch Eesti, amtlich estnisch Eesti Vabariik, amtlich deutsch Republik Estland, Staat im Norden des Baltikums, grenzt im Westen an die Rigaer Bucht und mittlere Ostsee, im Norden an den Finnischen Meerbusen, im Osten mit dem Peipussee an Russland und im Süden an Lettland. Mit einer Gesamtfläche (einschließlich der 1 521 Inseln und Eilande) von 45 227 km2 (davon 4 132 km2 Inseln und 2 827 km2 Binnengewässer) ist Estland etwas größer als Dänemark; (2001) 1,37 Mio. Einwohner; Hauptstadt ist Tallinn. Amtssprache ist Estnisch. Währung ist die Estnische Krone (ekr) = 100 Senti. Zeitzone: OEZ (1300 Tallinn = 1200 MEZ).
 
 Staat und Recht:
 
 
Nach der am 28. 6. 1992 durch Referendum gebilligten Verfassung ist Estland eine unabhängige Republik mit parlamentarischem Regierungssystem Staatsoberhaupt und oberster Befehlshaber der Streitkräfte ist der Präsident. Er wird vom Parlament mit Zweidrittelmehrheit auf fünf Jahre gewählt (in direkter Folge nur einmalige Wiederwahl möglich). Der Präsident übt seine Befugnisse ohne Gegenzeichnung aus; nur Notstandsverordnungen müssen vom Parlamentspräsidenten und vom Ministerpräsidenten gegengezeichnet werden. Der Präsident kann gegen Gesetzesbeschlüsse ein Veto einlegen. Die Legislative liegt bei der Staatsversammlung (Riigikogu), deren 101 Abgeordnete laut Wahlgesetz vom 23. 6. 1994 für vier Jahre nach personalisiertem Verhältniswahlrecht gewählt werden, wobei eine Fünfprozentklausel besteht. Die vollziehende Gewalt wird von der Regierung unter Vorsitz des Ministerpräsidenten ausgeübt. Der vom Parlament gewählte Ministerpräsident wird vom Präsidenten mit der Kabinettsbildung beauftragt. Er benennt die Minister, die vom Staatsoberhaupt zu bestätigen sind. Das Parlament kann mit absoluter Mehrheit ein Misstrauensvotum gegen den Ministerpräsidenten, die gesamte Regierung oder einzelne Minister beschließen. Die Verfassung enthält einen Grundrechtskatalog, der u. a. Diskriminierung wegen Nationalität, Rasse, Sprache und Geschlecht untersagt und Minderheitenschutz fixiert. Aufgrund der Staatsangehörigkeitsgesetzgebung, die von einer Kontinuität des Staatsvolkes ab dem Zeitpunkt der sowjetischen Besetzung im Juni 1940 ausgeht, werden jedoch alle später angesiedelten Sowjetbürger (v. a. Russen) als Ausländer behandelt, die allerdings auf Antrag eingebürgert werden können. Als ausländischer Einwohner besitzen sie kein Parlaments-, aber das aktive Kommunalwahlrecht und genießen Minderheitenschutz (Möglichkeit der Personalautonomie).
 
Parteien:
 
Nachdem 1990 das Herrschaftsmonopol der Kommunistischen Partei aufgehoben wurde, hat sich ein breites, durch zahlreiche Neugründungen, Abspaltungen und Fusionen geprägtes Parteienspektrum herausgebildet. Zu den einflussreichsten Parteien gehören die Estnische Zentrumspartei (K; gegründet 1991), die Vaterlandsunion (I; gegründet 1995), die Estnische Reformpartei (RE; gegründet 1994), die Partei der Moderaten (M; gegründet 1996), die Estnische Koalitionspartei (KE; gegründet 1991), die Estnische Volksunion (ERL; entstanden 1994 als Estnische Landvolkpartei) und die Vereinigte Volkspartei Estlands (EÜRP; gegründet 1994; Interessenvertreter der russischen Minderheit).
 
 
Das ehemalige Wappen der Estnischen Ritterschaft ist seit 1921 beziehungsweise 1988 (offiziell eingeführt am 8. 5. 1990) Staatswappen von Estland. Es zeigt drei blaue schreitende Löwen übereinander auf goldenem Feld. Der Schild ist umgeben von goldenem Eichenlaub.
 
Nationalfeiertage:
 
24. 2. (Gründung der Republik Estland 1918).
 
 
Das Land ist in 15 Kreise, 47 Städte und 207 Gemeinden gegliedert. Die Kreisverwaltungen unter Leitung des von der Regierung im Einvernehmen mit der jeweiligen Kreisversammlung ernannten Kreisältesten sind staatliche Behörden. Träger der kommunalen Selbstverwaltung sind die Städte und Gemeinden. Beschlussorgan ist der für drei Jahre direkt gewählte Rat (aktives Wahlrecht auch für Ausländer und Staatenlose, die seit fünf Jahren in der Kommune wohnen; passives Wahlrecht nur für estnische Staatsangehörige). Als Verwaltungsorgan fungiert der Kommunalvorstand, dessen Vorsitzender vom Rat gewählt wird.
 
 
Erstinstanzliche Gerichte sind die Kreis-, Stadt- und Verwaltungsgerichte, als Berufungsgerichte sind vier Bezirksgerichte tätig, der Staatsgerichtshof fungiert als oberste Kassationsinstanz sowie als Verfassungsgericht. Bei den Bezirksgerichten sowie beim Staatsgerichtshof bestehen besondere Kollegien für Zivil-, Straf- und Verwaltungssachen. Die unabhängigen Richter der erst- und zweitinstanzlichen Gerichte werden auf Vorschlag des Staatsgerichtshofes vom Staatspräsidenten auf Lebenszeit ernannt. Die Richter am Staatsgerichtshof werden vom Parlament gewählt.
 
 
Die Gesamtstärke der Wehrpflichtarmee (Dienstzeit zwölf Monate) beträgt etwa 4 500 Soldaten, langfristig soll sie erweitert werden. Das Heer (4 000 Mann) gliedert sich im Wesentlichen in drei motorisierte Infanteriebrigaden und mehrere selbstständige Einheiten. Luftwaffe und Marine (je 200 Soldaten) befinden sich im Aufbau. Die aktiven Verbände werden von der Bürgerwehr »Kaitseliit« in einer Stärke von etwa 6 500 Mann unterstützt. Dem Innenminister untersteht der paramilitärische Grenzwachdienst mit 2 000 Angehörigen. Die sehr uneinheitliche Ausrüstung der Streitkräfte, vorwiegend bestehend aus leichten Waffen, etwa 50 Schützenpanzern sowjetischen Typs und zwei Minensuchbooten der ehemaligen NVA, soll durch Waffeneinkäufe im Ausland (u. a. Israel) ergänzt und modernisiert werden. - Estland verwendet etwa 6 % der Staatsausgaben für die Verteidigung. Das Land trat 1994 der »Partnerschaft für den Frieden« der NATO bei und ist seit 1994 assoziierter Partner der WEU.
 
 Landesnatur und Bevölkerung:
 
 
Estland ist der nördlichste Staat der baltischen Republiken und weist als Teil des eiszeitlich überformten Osteuropäischen Tieflands nur geringe Höhenunterschiede auf. Die durchschnittliche Höhe liegt bei 50 m über dem Meeresspiegel. Geologisch und geomorphologisch kann die Oberfläche in zwei Bereiche gegliedert werden: das von Osern, Drumlins und Glazialseen geprägte Nordestland einschließlich
 
der westlichen Festlands- und der Inselregion mit dünner, karger Bodendecke auf silurische Kalktafel, die zum Finnischen Meerbusen als bis zu 56 m hohe Steilküste (Glint) abfällt und im Pantifer-(Pandivere-)Höhenzug bis 166 m über dem Meeresspiegel erreicht, sowie das topographisch abwechslungsreichere südestn. Moränenhügelland im Bereich des Baltischen Höhenrückens auf roten Sandsteinablagerungen mit den Höhenzügen von Sakala (bis 145 m über dem Meeresspiegel), Odenpäh (Otepää; 217 m über dem Meeresspiegel) und Hahnhof (Haanja), die mit dem Munaberg (Suur Munamägi) mit 318 m über dem Meeresspiegel die höchste Erhebung Estlands bildet. Dazwischen liegt im Bereich des devonischen Sandsteins die nur 20-50 m hohe mittelestn. Ebene, die sich von der Pärnuer Bucht über den Wirzsee (Võrtsjärv) bis zum umfangreichen Becken des Pleskauer und des Peipussees erstreckt und im Osten durch hohen Grundwasserstand stark vermoorte Niederungen besitzt. Die größten der insgesamt 1 521 estnischen Inseln sind Ösel (Saaremaa), Dagö (Hiiumaa), Moon (Muhu) und Worms (Vormsi). - Estland ist reich an Seen und Flüssen; Seen und Stauseen nehmen etwa 5 % des Gesamtgebiets ein. Wichtig für die Fischerei und die Binnenschifffahrt sind der Peipussee mit dem nur zu einem kleinen Teil zu Estland gehörenden Pleskauer See und der Wirzsee. Bedeutendste Flüsse sind die Narwa (Grenzfluss zu Russland) und der Pärnu. Im Winter friert das Meer in Küstennähe für kurze Zeit zu.
 
 
Estland liegt klimatisch im Übergangsbereich zwischen Mittel-, Nord- und Osteuropa. Im Norden Estlands ist durch den Ostseeeinfluss das Klima milder, während es nach Süden und Südosten immer kontinentaler wird (Unterschied zwischen Küsten- und Binnenland im Januar 4,9 ºC). Der Sommer ist mäßig warm. Wärmster Monat ist der Juli (Duchschnittstemperatur 16 ºC im Nordwesten und 17 ºC im Südosten). Die ersten Fröste treten im Oktober auf. Kältester Monat ist der Februar (durchschnittlich —3 ºC auf der Insel Ösel und —7 ºC im zentralen Landesteil). Mit einer jährlichen Niederschlagsmenge von 550-650 mm ist das Klima relativ feucht.
 
 
Estland gehört zur Misch- und Laubwaldzone der kühlgemäßigten Breiten. Aufgrund des kalkhaltigen Bodens und des gemäßigten Seeklimas sind der Westen und Nordwesten artenreicher als das übrige Gebiet. Das Landschaftsbild wird von Wiesen, vielfach von Büschen durchsetzt, beherrscht. Bei fehlender Ackerkrume über den Kalkplatten treten trockene, von Wacholder durchsetzte Grastriften auf. Die Flussniederungen und Küstengebiete haben zum Teil ausgedehnte Rietbänke, besonders in der Matzal-(Matsalu-)Bucht und in der Moon-Meerenge. Ganz Estland ist reich an Mooren und Sümpfen (20 % des Territoriums), die teilweise geschützt sind, teilweise der Torfgewinnung dienen. Die für Estland charakteristischen Fichtenwälder, mit Birken, Linden, Espen, Eichen und Kiefern durchsetzt, bedecken knapp 35 % des Landes. Die Ackerflächen befinden sich vorwiegend auf den fruchtbaren Böden Mittel- und Südestlands. Die vier Nationalparks von Estland sind Matzal (397 km2) und Filsand (Vilsandi; 106,9 km2) an und vor der Westküste der Insel Ösel (Schutz von See- und Wasservögeln) sowie Soomaa (370 km2) nordöstlich von Pärnu und Karula (103 km2) im Süden des Landes, sie dienen dem Schutz von Pflanzen und Tieren in ihrer natürlichen, von Seen und Mooren geprägten Umwelt.
 
Zahlreiche aus der Sowjetzeit überkommene veraltete Industriebetriebe, besonders im Energiesektor, sind Schuld an erheblichen Umweltverschmutzungen, v. a. in den Industriegebieten.
 
 
Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges lebten in Estland 1,13 Mio. Menschen, davon 88,8 % Esten, 8,1 % Russen und 1,6 % Deutsche. Die siebenhundertjährige Geschichte der deutschen Volksgruppe endete 1939/40, als sie aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes nahezu vollständig ausgesiedelt wurde. Etwa 210 000 Esten sind in der Kriegs- und Nachkriegszeit gefallen, deportiert oder ermordet worden oder flüchteten. Seit 1944 wurde die russische Zuwanderung durch die auf die Industrialisierung ausgerichtete Moskauer Wirtschaftspolitik (Umsiedlung russischer Arbeiter ins Baltikum) gefördert. Dies führte neben der starken Überalterung der estnischen Bevölkerung und ihres geringen natürlichen Zuwachses zu einem stetigen Rückgang des estnischen Bevölkerungsanteils: 1959: 74,6 %; 1979: 64,7 %; 1989: 61,5 %. Der Anteil der Russen nahm in diesen Jahren von 20,1 % über 27,9 % auf 30,3 % zu (ohne die in Estland stationierten russischen Streitkräfte). In Narva u. a. grenznahen Städten leben heute überwiegend Russisch sprechende Einwohner. Am 26. 2. 1992 wurde das Staatsbürgerschaftsgesetz von 1938 wieder in Kraft gesetzt und am 1. 4. 1995 neu aufgelegt. Staatsbürger sind nur diejenigen, die vor dem 16. 6. 1940 estnische Staatsbürger waren, und deren Nachkommen. In Estland lebende Ausländer können die estnische Staatsbürgerschaft nur erlangen, wenn sie Kenntnisse der estnische Sprache nachweisen können. Leichter ist jedoch eine ständige Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen. Die Regelung der Staatsbürgerschaft führte zu ethnischen Spannungen zwischen der russischsprachigen und estnischen Bevölkerung, der Ausschluss von den Parlamentswahlen wird für die russischsprachigen Bewohner zusätzlich als diskriminierend empfunden. Die Mehrzahl der russischen Bevölkerung lebt in Tallinn und in den Industriezentren des Nordostens (Kohtla-Järve, Narva, Sillamäe).
 
Von den Bewohnern Estlands waren 2000 65,3 % Esten, 28,1 % Russen, 2,5 % Ukrainer, 1,5 % Weißrussen, 0,9 % Finnen und 1,7 % Angehörige anderer Nationalitäten (besonders Juden, Deutsche und Letten).
 
Der Grad der Urbanisierung hat in der Sowjetzeit stark zugenommen. Lebten in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen noch etwa 66 % auf dem Land, so stieg der Anteil der städtischen Bevölkerung bis 1966 auf 63 % und 1999 auf 69 % an, insbesondere wegen der seit Jahren anhaltenden Landflucht. Etwa ein Drittel der Bewohner leben in der Hauptstadt.
 
Estland ist der am dünnsten besiedelte baltische Staat. Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte betrug 2001 30 Einwohner/km2. In West- und Nordestland sowie auf den Inseln ist die Besiedlung außerhalb der Städte gering, während die stärker agrarisch genutzten Gebiete im Süden und Südosten stärker bevölkert sind.
 
 
Das 1993 in Kraft gesetzte Religionsgesetz garantiert volle Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit. Die Religionsgemeinschaften unterliegen der Pflicht der staatlichen Registrierung durch das Innenministerium. 1994 waren 24 Religionsgemeinschaften in Estland registriert. Seit der Reformation gehört die Mehrheit der estnischen Christen der evangelisch-lutherischen Kirche an. Nach 1990 wieder einen starken Zuspruch erfahrend, umfasst die von einem Erzbischof mit Sitz in Tallinn geleitete Evangelisch-Lutherische Kirche gegenwärtig 166 Gemeinden mit rd. 172 000 Mitgliedern. Daneben besteht eine lutherische Auslandskirche (Sitz des Erzbischofs in Toronto). Die zweitstärkste Konfession bildet die orthodoxe Kirche, die nach ihrer Loslösung vom Moskauer Patriarchat 1923 durch den Ökumenischen Patriarchen als »Estnisch Apostolisch-Orthodoxe Kirche« unter einem Metropoliten weitgehende Autonomie erlangte. 1945 unter staatlichem Druck als Bistum »Tallinn und Estland« wieder der russisch-orthodoxen Kirche eingegliedert, führte die 1944 in Stockholm gegründete Exilkirche die Tradition der »Estnisch Apostolisch-Orthodoxe Kirche« weiter. 1993 als deren Rechtsnachfolgerin anerkannt, gehören ihr heute 34 Gemeinden mit rd. 30 000 Mitgliedern an. Die etwa 30 russischen Gemeinden sind unter der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchen verblieben. Rd. 10 000 orthodoxe Christen gehören den Altgläubigen an. - Rd. 1,4 % der Bevölkerung sind Mitglieder verschiedener protestantischer Kirchen und Gemeinschaften (Adventisten, Evangeliumschristen-Baptisten, Methodisten, »Estnische Christliche Pfingstkirche« u. a.). Die katholische Kirche (Apostolische Administratur Estland) hat rd. 3 000 Mitglieder. - Die größte nichtchristliche Religionsgemeinschaft bildet die »Estnische Islam. Gemeinde« mit rd. 10 000 Mitgliedern. Weiterhin bestehen drei jüdische Gemeinden mit etwa 200 Mitgliedern und in Tallinn eine Bahai- und eine Hare-Krishna-Gemeinde.
 
 
Das Schulwesen ist traditionell gut ausgebaut (trotzdem herrscht erheblicher Schulgebäude- und Lehrermangel); es besteht neunjährige Schulpflicht. Es gibt neunjährige Gesamtschulen, die von vornherein keinen Abschluss ermöglichen, und Gesamtschulen, die nach elf Schuljahren einen qualifizierten Abschluss bieten, ohne dass alle Schüler ihn erreichen. Daneben bestehen noch vierjährige Grundschulen, von denen der Übergang in eine meist etwas entfernter liegende Gesamtschule vorgesehen ist. Darüber hinaus existieren allgemein bildende Abendschulen. Die Alphabetisierungsquote beträgt 99 %. Estland besitzt neben den Universitäten in Tallinn und Tartu zahlreiche Hochschulen.
 
 
Presse: Alle Tages- und Wochenzeitungen, herausgegeben in Estnisch, Russisch und Englisch, befinden sich in Privateigentum. Die wichtigsten sind die Tageszeitungen »Postimees« (gegründet 1857) in Tartu sowie in Tallinn »Eesti Päevaleht«, »Sonumileht«, »Äripäev« (Wirtschaft) sowie die Wochenzeitungen »Eesti Ekspress« und »Maaleht« sowie die russischsprachigen Zeitungen »Estonija« und »Den Za dnjom«. - Nachrichtenagenturen: Estonian Telegraph Agency (ETA, gegründet 1918, staatlich); Baltic News Service (BNS, gegründet 1990, privat; beide Tallinn). - Rundfunk: Eesti Raadio (gegründet 1926, öffentlich-rechtlich) strahlt vier Programme aus, davon drei in Estnisch und eines in Russisch, Finnisch und Schwedisch, außerdem existiert eine Reihe von regionalen privaten Sendern. Eesti Televisioon (ETV, gegründet 1955, öffentlich-rechtlich) verbreitet ein Fernsehprogramm in Estnisch und Russisch, kommerzielle Sender sind RTV, EVTV, Kanal-2 und Tipp-TV.
 
 Wirtschaft und Verkehr:
 
 
Estland war bis in die 1950er-Jahre ein Agrarland, die Industrialisierung unter der Sowjetmacht führte zur einseitigen wirtschaftlichen Ausrichtung auf Russland mit einer für Estland ungünstigen Wirtschaftsstruktur. Nach dem Erlangen der politischen Unabhängigkeit waren die vorhandenen Großbetriebe sowie mittleren Unternehmen auf dem internationalen Markt dem Wettbewerb nicht gewachsen, die große Abhängigkeit von Rohstoffen erschwerte zusätzlich den schwierigen Übergang zur Marktwirtschaft. Der plötzliche Wegfall der Absatzmärkte in der ehemaligen Sowjetunion führte zu einem erheblichen Produktionsrückgang. Im Juni 1992 verließ Estland die Rubelzone und führte als erster Nachfolgestaat der UdSSR eine eigene Währung, die Estnische Krone (ekr), ein. Dank der neuen Währung ging die Inflationsrate deutlich zurück. Im Jahr 1993 waren durch eine konsequente Strukturreform, die Etablierung von Kleinunternehmen sowie die Stärkung des Dienstleistungsbereiches und Tourismus erste Anzeichen einer wirtschaftlichen Stabilisierung zu erkennen. Neben der Exportwirtschaft ist die starke Investitionstätigkeit Träger des wirtschaftlichen Aufschwungs. Das Bruttosozialprodukt je Einwohner lag 1999 bei 3 480 US-$. Schon vor seiner Unabhängigkeit hatte Estland erste Schritte hin zur Marktwirtschaft unternommen (u. a. Gründung einer Notenbank und Zulassung privater Banken). 1996 waren mehr als 90 % aller estnischen Unternehmen privatisiert. Nach dem Modell der ehemaligen Treuhandanstalt in Deutschland wurden bis Mai 1996 über 90 % der ernsten Unternehmen privatisiert, darunter kam es auch zum Verkauf von Industrieunternehmen einschließlich Grund und Boden an ausländische Investoren. Die Bevölkerung wurde durch Gutscheine an der Privatisierung beteiligt. Bei den Auslandsinvestitionen (März 1994: 375 Mio. US-$) ist Finnland mit 38 % führend, gefolgt von Schweden mit 24 %. Die Arbeitslosigkeit stieg seit 1999 an und lag nach offiziellen Angaben (2000) bei 13,7 %.
 
 
1999 arbeiteten 9,6 % der Erwerbstätigen im Agrarbereich. Der Schwerpunkt liegt auf der Viehwirtschaft (Milchvieh-, Schweine- und Schafzucht sowie Geflügelhaltung). Durch die Einfuhrzölle der baltischen Nachbarstaaten und die große Zersplitterung der landwirtschaftlichen Nutzfläche (die durchschnittliche Größe eines Landwirtschaftsbetriebes beträgt nur 20 ha) führten zu einem Produktionsrückgang in der Landwirtschaft. Wichtigste Anbaupflanzen sind Kartoffeln, Futterpflanzen, Gerste, Roggen und Flachs.
 
 
Der Waldreichtum Estlands bildet die Basis der Forstwirtschaft. 1997 betrug der gesamte Waldbestand 295,1 Mio. m3. Das Holz dient v. a. zur Papier- und Zellulosegewinnung, als Baumaterial und zur Möbelherstellung sowie als Brennstoff für die ländlichen Haushalte. 1999 wurden 245 000 m3 Holz nach Deutschland exportiert. Die Holz- und Holz verarbeitende Industrie ist ein sehr bedeutender Faktor in der estnischen Wirtschaft
 
 
Vor der Unabhängigkeit machten Fischprodukte 40 % der Ausfuhren der estnischen Nahrungsmittelindustrie in die übrigen Sowjetrepubliken aus. Da die Fischverarbeitung einseitig auf den Bedarf des russischen Marktes zugeschnitten war, bestanden in anderen europäischen Ländern bisher kaum Absatzmöglichkeiten. Die Fangmenge reduzierte sich somit um mehr als zwei Drittel zurück (1998: 119 000 t). Durch EU-Hilfe wird Estland bei der Modernisierung seiner Fischereiwirtschaft unterstützt.
 
 
Neben den Energieträgern Ölschiefer und Holz werden v. a. Phosphorit und Kalkstein, für den lokalen Hausbrand Torf abgebaut. Bei der Verarbeitung von Phosphorit zu Düngemitteln gibt es erhebliche Umweltbelastungen, sodass voraussichtlich keine neuen Phosphoritminen im Hauptfördergebiet Rakvere (Wesenberg) im Norden erschlossen werden.
 
 
Die mächtigen Ölschiefervorkommen im Nordosten (Gesamtvorkommen etwa 6,4 Mrd. t) sind die wichtigste einheimische Energiequelle. Mehr als 90 % der Fördermenge dienen der Stromerzeugung (besonders in Narva). Zur Beseitigung der hohen Umweltbelastung ist eine kostspielige Sanierung der Energiewerke erforderlich. Weitere lokale Energieträger sind Torf und Holz. Der Torfabbau ist v. a. wegen großflächiger Grundwasserabsenkungen mit erheblichen Umweltbeeinträchtigungen verbunden. Anfänge zur alternativen Stromerzeugung wurden auf den estnischen Inseln mittels Windkraftwerken gemacht. Etwa 50 % der erzeugten Elektrizität werden nach Lettland und Russland exportiert.
 
 
Im industriellen Sektor sind (2000) etwa 20 % der Erwerbstätigen beschäftigt. Etwa 96 % aller Betriebe haben weniger als 100 Beschäftigte. Wichtigste Branchen sind die Nahrungsmittelherstellung (u. a. Fischverarbeitung), Metallverarbeitung und Maschinenbau, die Papier-, Textil- (Baumwollverarbeitung in Narva und Tallinn), elektrotechnische, chemische und Lederindustrie. Durch ausländische Investitionen werden v. a. die chemische Industrie, Holzverarbeitung und die Textilindustrie weiterentwickelt. Auf die Hauptstadtregion Tallinn konzentrieren sich 40 % der gesamten industriellen Produktion. Weitere Industriezentren sind die Hafenstadt Pernau (estnisch Pärnu) und die Städte Narva, Kohtla-Järve, Sillamäe.
 
 
Die Tourismusbranche zählt zu den wachsenden Wirtschaftssektoren des Landes. 1999 stieg die Zahl der ausländischen Besucher auf 1,3 mio. (1992: 263 000); etwa drei Viertel der Gäste kommen aus Finnland. Wichtigste touristische Anziehungspunkte sind die Altstadt von Tallinn sowie die Kur- und Badeorte Pernau (estnisch Pärnu) und Hapsal (estnisch Haapsalu) an der Westküste sowie Kuressaare auf der Insel Ösel (estnisch Saaremaa).
 
 
In den Jahren vor 1989 wurden 90 % des Außenhandels mit den Sowjetrepubliken abgewickelt. Gegenwärtig ist Finnland der wichtgste Handeslpartner, sowohl bei der Ein- als auch bei der Ausfuhr. Wichtigste Handelsgüter waren 1999 bei der Ausfuhr Textilien und Bekleidung, Nutzholz und Holzprodukte, Maschinen und Ausrüstungen, mineralische Produkte, Chemieerzeugnisse, Metalle, Transportmittel sowie Nahrungs- und Genussmittel. Bei der Einfuhr dominieren Maschinen und Ausrüstungen, mineralische Erzeugnisse (11,9 %), Textilien und Bekleidung, Transportmittel, Chemieerzeugnisse, Nahrungs- und Genussmittel, Metalle, Kunststoffe, Zellstoff und Pulpe sowie pflanzliche Rohstoffe. Mit Lettland und Litauen besteht ein Freihandelsabkommen.
 
Verkehr:
 
Estland ist ein wichtiges Durchgangsland von Mittel- nach Nord- und Osteuropa. Es verfügt über ein relativ dichtes Verkehrsnetz, das jedoch den gegenwärtigen Wirtschaftsbedürfnissen vielfach nicht mehr entspricht und stark sanierungsbedürftig ist. Das Schienennetz mit einer Gesamtlänge von (2000) 968 km (davon 132 km elektrifiziert) hat große Bedeutung für den Transit russischer Ein- und Ausfuhrwaren, die über die Hauptstadthäfen (neben dem Stadthafen von Tallinn der 1986 in Betrieb genommene Hochseehafen von Tallinn-Muuga) abgewickelt werden. Mit einer Gesamtlänge von (2000) 16 430 km, davon 8 410 km befestigt uns ausgebaut, ist das öffentliche estnische Straßennetz relativ dicht ausgebaut. Durch den in Angriff genommenen Bau einer durchgehenden, etwa 1 000 km langen Autobahn von Helsinki über Tallinn, Riga und Kaunas nach Warschau (»Via Baltica«) sollen die baltischen Staaten besser an das mitteleuropäische Straßennetz angebunden werden. Neben den Seehäfen von Tallinn und Muuga wird ein Teil des Güterverkehrs auch über die kleineren Seehäfen Narva, Pärnu und Hapsal abgewickelt. Von den Binnengewässern sind 320 km für Frachtschiffe befahrbar. Wichtigster Binnenhafen ist Tartu. Der internationale Seeverkehr hat eine große Bedeutung für die estnische Wirtschaft. Von Tallinn aus gibt es regelmäßige Fährverbindungen nach Helsinki und Stockholm. In Estland gibt es sechs Binnenflughäfen, auf den drei größten Inseln sind Landepisten angelegt. Der internationale Flughafen liegt nahe Tallinn. Fluggesellschaft ist die im November 1991 gegründete und 1996 privatisierte Estonia Air. (Lettland, Übersichtskarte)
 
 
Trotz des Fehlens einer staatlichen Zentralgewalt waren die estnischen Landschaften in der Lage, Eroberungszüge der Wikinger abzuwehren oder ostslawische Tributherrschaft (1030 Jaroslaw der Weise in Dorpat) abzuschütteln. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts führte die Entstehung der Hanse zu einem Anstieg des europäischen Handelsverkehrs in der baltischen Region. Nach fehlgeschlagenen Versuchen einer friedlichen Missionierung verlieh Papst Innozenz III. im Oktober 1204 der Livlandfahrt den Rang eines Kreuzzuges. 1208-1227 gelang den Dänen von Norden und dem deutschen Schwertbrüderorden von Süden die Unterwerfung und gewaltsame Christianisierung der Esten (120-150 Tausend). Als die Dänen 1346 ihre nordestn. Ländereien an den Deutschen Orden verkauften, umfasste der altlivländische Ordensstaat bis 1561 das gesamte Gebiet des heutigen Estland und Lettland. In diese Periode fällt die stufenweise Entrechtung der angestammten Bevölkerung. Mit Einführung der Gutsherrschaft (15. Jahrhundert) befand sich der überwältigende Teil der Esten im Stande erbhöriger und schollenpflichtiger Bauern. In den Hansestädten Reval (heute Tallinn) und Dorpat (heute Tartu) bildete die estnische Minderheit die unterste soziale Schicht. Diese Herrschafts- und Besitzverhältnisse blieben bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bestehen. Auf diese Weise war Estland 700 Jahre lang ein Teil des deutschen Kulturraumes.
 
Der 150-jährige Kampf der Großmächte um die Vorherrschaft im Baltikum begann mit dem vergeblichen Eroberungsversuch Ivans IV. (Livländische Krieg 1558-82), der zum Untergang des Ordensstaates und zur Aufteilung Estlands zwischen Schweden, Dänemark und Polen-Litauen führte (1582-1629). Die Reformen der Schwedenzeit (1629-1710) brachten den Bauern einige Erleichterungen. 1632 gründete Gustav II. Adolf in Dorpat (heute Tartu) eine Universität Im Nordischen Krieg (1700-21) wurde Estland dem Russischen Reich angegliedert. Zugleich garantierte Peter I., der Große, die alten Privilegien der deutsch-baltischen Ritterschaften (Frieden von Nystad, 1721).
 
Die Bauernbefreiung (1816/19) führte durch den Verlust des Landes und aller gutsherrlicher Schutzverpflichtungen zunächst zu einer Verschlechterung der sozialen Lage. Erst die auf den livländischen Landmarschall H. von Fölkersahm zurückgehende Reform (1856/60) verlieh den Bauern das Recht auf Bodenerwerb. In der Folgezeit entstand ein besitzendes Bauerntum, aus dem die erste Generation estnischer Akademiker hervorging (Universität Dorpat [heute Tartu]). Sie wurden zur Trägerschicht des »Nationalen Erwachens« (1850-80). Erstmalig entstanden eine estnischsprachige Presse und zahlreiche estnische Kulturvereine. Das kulturelle Leben blühte auf (1857 estnisches Nationalepos »Kalevipoeg«, 1869 erstes Sängerfest), man bemühte sich um die Gründung estnischer Schulen. Die auf die Beseitigung der »deutschen Ecke im Reich« gerichteten Angleichungsmaßnahmen der russischen Regierung wurden von Teilen der estnischen Nationalbewegung begrüßt, aber diese Interessengemeinschaft zerbrach, als 1885 das Schulwesen russifiziert wurde (aufgehoben 1905). Industrialisierung und Urbanisierung förderten den Zuzug estnischer Arbeitskräfte und vergrößerten den estnischen Bevölkerungsanteil in den Städten. Die Verschärfung der sozialen Gegensätze in Stadt und Land führte seit den 1890er-Jahren zum Aufstieg einer revolutionär-marxistischen Bewegung. Nach Ausbruch der Revolution von 1905 kam es im Baltikum zu besonders schweren Unruhen, die von der Regierung blutig niedergeschlagen wurden.
 
Unter der Provisorischen Regierung Russlands konnten estnische Politiker die administrative Zusammenlegung des Gouvernements Estland mit Nordlivland und den Inseln erreichen. Mit der Oktoberrevolution von 1917 kam in Reval (heute Tallinn) eine bolschewistische Räteregierung an die Macht, während die bürgerlichen Kreise nun nach einer Loslösung von Russland strebten. In der Nacht vom 24. 2. zum 25. 2. 1918 nutzte man die kurze Frist zwischen dem Abzug der Bolschewiki aus Reval (heute Tallinn) und dem Einmarsch der Deutschen, um die Unabhängigkeit Estlands zu proklamieren. Nach der Kapitulation Deutschlands im Ersten Weltkrieg wurde Estland erneut von der Roten Armee besetzt. Es gelang jedoch der jungen estnischen Armee im Verband mit finnischen Freiwilligen und einem Baltenregiment, bis zum ersten Jahrestag der estnischen Staatsgründung das gesamte Land unter ihre Kontrolle zu bringen. Im Frieden von Dorpat (2. 2. 1920) erkannte Sowjetrussland die staatliche Unabhängigkeit Estlands an, das sich im selben Jahr eine demokratische Verfassung gab. Internationale Beachtung fand die vorbildliche Regelung der Minderheitenfrage durch Einführung einer Kulturselbstverwaltung (1925). Um einer faschistischen Machtübernahme durch die Partei der Freiheitskämpfer zuvorzukommen, führte K. Päts im März 1934 einen Staatsstreich durch und errichtete, gestützt auf die konservative Bauernpartei, ein autoritäres Regierungssystem, das mit einer Präsidialverfassung (1938) seine endgültige Form erhielt.
 
In der Wirtschaft setzte Estland auf die Schaffung mittelgroßer Bauernwirtschaften (1919 Enteignung des deutschen Großgrundbesitzes) und den Ausbau der Brennschieferindustrie. Landwirtschaftliche Produkte sowie Öle, Benzin und Asphalt wurden nach Deutschland und Großbritannien exportiert. Große Anstrengungen wurden in Kultur, Wissenschaft und Bildungswesen unternommen.
 
Nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes (23. 8. 1939) wurde Estland am 17. 6. 1940 von sowjetischen Truppen besetzt und am 6. 8. 1940 als Estnische Sozialistische Sowjetrepublik von der UdSSR annektiert. Die Repressionen im Zuge der Sowjetisierung fanden am 14. 6. 1941 ihren Höhepunkt, als in einer Nacht 11 000 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nach Sibirien deportiert wurden. Vom Sommer 1941 bis 1944 befand sich das Land unter deutscher Besatzung. Vor der Wiedereinnahme der baltischen Staaten durch die Sowjetarmee im September 1944 flohen etwa 69 000 Esten ins Exil. Sie leben heute vorwiegend in den USA, Kanada und Schweden. Zur Schwächung der Partisanenbewegung (»Waldbrüder«) wurde die Kollektivierung der Landwirtschaft schon im Jahre 1949 durchgeführt. Sie war mit der zweiten Massendeportation verbunden. In Estland wurden große Allunionsbetriebe angesiedelt, die unmittelbar den Moskauer Ministerien unterstanden und die Anwerbung russischer Arbeitskräfte erforderlich machten. Estland hatte den höchsten Lebensstandard innerhalb der Sowjetunion.
 
Nach 45 Jahren Okkupation bot die mit dem Machtantritt M. S. Gorbatschows eingeleitete Politik von Glasnost und Perestroika erstmalig die Möglichkeit zu öffentlichen Protestäußerungen gegen die von den Unionskombinaten verursachten Umweltschäden, gegen forcierte Industrieansiedlung, russische Zuwanderung und nationale Unterdrückung. Am 23. 8. 1987 fand im Hirve Park in Tallinn eine erste Massendemonstration statt. 1988 war das Jahr der »Singenden Revolution« auf den Straßen. Im selben Jahr entstanden zwei Organisationen: die »Nationale Unabhängigkeitspartei« (20. 8. 1988), die für die Wiederherstellung der vollen Eigenstaatlichkeit eintrat, und die »Volksfront zur Unterstützung der Perestroika« (1. 10.1988), die sich für die Souveränität Estlands im Verband der UdSSR und für den Abschluss eines Unionsvertrages einsetzte. Am 16. 11. 1988 erklärte der Oberste Sowjet Estlands den Vorrang der Reparationsgesetze vor den Unionsgesetzen (Souveränitätserklärung). Im Laufe des Jahres 1989 scheiterten alle Versuche zur Verwirklichung größerer Souveränität. Dies verstärkte das Streben nach Unabhängigkeit. Am 23. 8. 1989 bekundeten die Balten mit einer Menschenkette von Tallinn bis Vilnius ihren Freiheitswillen gegenüber der Weltöffentlichkeit. Nach dem Wahlsieg der »Volksfront« proklamierte der Oberste Sowjet Estlands am 30. 3. und 8. 5. 1990 seinen Willen zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit nach einer Übergangsperiode; Teile der Verfassung von 1938 wurden wieder in Kraft gesetzt, die Estnische Sozialistische Sowjetrepublik in »Republik Estland« umbenannt und Estnisch wieder zur Staatssprache erhoben. Das Jahr 1991 brachte die Entscheidung durch die Putschversuche der prosowjetischen Kräfte, zuerst in Vilnius und Riga (Januar 1991), dann in Moskau (August 1991). Am 20. 8. 1991 erklärte Estland die Wiederherstellung der Unabhängigkeit; es folgte eine Welle der diplomatischen Anerkennungen. Am 17. 9. 1991 wurde Estland in die UNO aufgenommen. Nach der Annahme einer neuen Verfassung durch ein Referendum (28. 6. 1992) fanden am 20. 9. 1992 Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt, bei denen nur jene Bürger (und deren Nachkommen) Wahlrecht hatten, die vor der Annexion (1940) durch die UdSSR estnische Staatsbürger gewesen waren. Stärkste politische Kraft wurde das konservative Wahlbündnis »Vaterland«. Das Amt des Staatspräsidenten trat im Oktober 1992 L. Meri an (im September 1996 für weitere fünf Jahre bestätigt). Am 26. 7. 1994 unterzeichneten Meri und B. N. Jelzin ein Abkommen, dass den Abzug der letzten russischen Soldaten aus Estland (noch rd. 2 000 von ehemals etwa 30 000) bis zum 31. 8. 1994 verbindlich festlegte; zugleich wurde den mehr als 10 000 pensionierten Militärs der früheren Sowjetarmee und ihren Familien die Möglichkeit eingeräumt, eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen. Ein im Januar 1995 vom estnischen Parlament verabschiedetes restriktives und v. a. von Russland kritisiertes Staatsbürgerschaftsgesetz (in Kraft seit 1. 4. 1995) wurde am 8. 12. 1998 per Parlamentsbeschluss geändert (Erleichterung der Einbürgerung von Nichtesten).
 
1992-94 war Mart Laar (* 1960) Ministerpräsident, dessen Kabinett im Zusammenhang mit einem Finanzskandal vom Parlament durch ein Misstrauensvotum gestürzt wurde. Nachfolger als Regierungschef war der vorherige Umweltminister A. Tarand (1994/95), den nach den Parlamentswahlen vom 5. 3. 1995 T. Vähi als Ministerpräsident einer Regierung aus Koalitionspartei, Bauernunion und Zentrumspartei ablöste. Nach dem Rücktritt Vähis (1997) stand Mart Siimann (Koalitionspartei) an der Spitze einer Minderheitsregierung. Aus den Parlamentswahlen vom März 1999 gingen die Mitte-rechts-Parteien erfolgreich hervor; M. Laar wurde danach erneut Regierungschef. Im September 2001 wurde A. Rüütel zum neuen Staatspräsidenten gewählt (Amtsantritt am 8. 10. 2001). Nach dem Rücktritt Laars folgte diesem im Januar 2002 Siim Kallas (Reformpartei) als Ministerpräsident einer Minderheitsregierung mit der Zentrumspartei.
 
Außenpolitisch strebte das wieder unabhängige Estland, das von Russland nach wie vor zu dessen Einflusssphäre gezählt wird, zusammen mit den beiden anderen baltischen Staaten nach einer baldigen Integration in EG/EU und NATO sowie die weiteren europäischen Organisationsstrukturen. 1993 wurde Estland Mitglied des Europarates, trat 1994 dem NATO-Programm »Partnerschaft für den Frieden« bei und schloss 1995 mit den EG ein Assoziierungsabkommen; am 24. 11. 1995 bewarb sich Estland um Mitgliedschaft in der Europäischen Union (am 4. 12. 1995 formelle Antragstellung in Brüssel) und drängte nach dem Beginn von Beitrittsverhandlungen Ende März 1998 im Rahmen der geplanten EU-Osterweiterung auf eine zügige Aufnahme. Nachdem die baltischen Staaten eine von Russland am 24. 10. 1997 offerierte Sicherheitsgarantie im darauf folgenden Monat abgelehnt hatten, unterzeichnete Estland zusammen mit Lettland und Litauen am 16. 1. 1998 eine »Charta der Partnerschaft« mit den USA. Im November 1999 wurde Estland als 135. Mitglied in die WTO aufgenommen. Im November 2000 konstatierte die Europäische Kommission, dass Estland in absehbarer Zeit die politischen Kriterien und wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine (frühestens ab 2003 möglich) EU-Mitgliedschaft erfülle, verbunden mit der Forderung, weitere Anstrengungen zur Integration der russischen u. a. Minderheiten zu unternehmen.
 
 
R. Wittram: Balt. Gesch. Die Ostseelande Livland, E. Kurland 1180-1918 (1954);
 G. von Rauch: Gesch. der balt. Staaten (31990);
 
Die balt. Nationen E., Lettland, Litauen, hg. v. B. Meissner (21991);
 M. Butenschön: E., Lettland, Litauen. Das Baltikum auf dem langen Weg in die Freiheit (1992);
 
Balt. Länder, hg. v. G. von Pistohlkohrs (1994);
 T. Karin: E. Kulturelle u. landschaftl. Vielfalt in einem histor. Grenzland zwischen Ost und West (1995).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Estland und Lettland: Nationale Bewegungen im 19. Jahrhundert
 
Baltikum: Kurze Unabhängigkeit der baltischen Staaten
 

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Est|land; -s: Staat in Nordosteuropa.

Universal-Lexikon. 2012.

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